"Ich habe das Privileg, mir meinen Arbeitsplatz selbst gestalten zu können"

Der kurzfristige Wechsel von der akademischen Tätigkeit in die Praxis ist für Prof. M. Niebuhr ein Gewinn auf vielen Gebieten


nä: Frau Prof. Niebuhr, im April 2015 haben Sie sich in Gehrden bei Hannover niedergelassen. Rückblickend betrachtet – würden Sie es noch einmal machen oder bereuen Sie es?

Prof. Niebuhr: Ich bereue es überhaupt nicht. Ich würde es jederzeit wieder tun!

nä: Was hat Sie zu der Entscheidung gebracht, sich niederlassen? Hatten Sie sich nicht auf eine akademische Karriere eingestellt?

Prof. Niebuhr: Richtig, ich habe zunächst als Ärztin im Praktikum, später als Assistenzärztin und dann als Fachärztin an der Hautklinik der Med. Hochschule Hannover (MHH) jahrelang klinisch gearbeitet. Darüber hinaus war ich kontinuierlich in der transationalen Forschung tätig und habe sowohl klinische Studien als auch eine in vitro-Arbeitsgruppe im Labor betreut. Zusätzlich war ich in der studentischen Lehre aktiv. Dass ich mich dann für die Niederlassung entschieden habe, war eher eine spontane Entscheidung. Ich erhielt einen Anruf von einer Kollegin, ob ich ihre dermatologische Praxis in Gehrden übernehmen wolle. Da habe ich mich für diesen Schritt entschieden. Die Situation war schicksalhaft – kurz zuvor hatte ich einen bundesweit ausgeschrieben Forschungspreis für eine wissenschaftliche Publikation erhalten.

nä: Aber so eine Entscheidung trifft man doch nicht so im Handumdrehen ...

Prof. Niebuhr: Nein. Dem war natürlich eine längere Entscheidungsphase vorangegangen. Es war in erster Linie eine Entscheidung für meine Familie. Nach der Geburt meines Sohnes bin ich im Anschluss an die Elternzeit wieder in die Klinik zurückgekehrt. Nach dem zweiten Kind ging das nicht mehr, die Bereitschaftsdienste und nicht planbaren Überstunden sind mit zwei kleinen Kindern schwer vereinbar. nä: Gehrden liegt ja praktisch vor der Haustür. Hätten Sie sich auch für einen anderen Ort, etwas auf dem Lande, entschieden? Niebuhr: Natürlich war mir die Entscheidung auch deswegen leicht gefallen, weil ich an Ort und Stelle wohnen bleiben konnte. Ein Umzug mit den Kindern wäre schwierig geworden, da ich hier auf meine jahrelang gewachsenen sozialen Netzwerke zurückgreifen kann, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Die Großeltern wohnen auch in der Nähe. Bei einer Existenzgründung muss man in der Lage sein, seine Kräfte zu bündeln, da sind solche Beziehungen wichtig, die einem den Rücken frei halten. Das wäre andernorts so leicht nicht möglich gewesen.

nä: Dazu gehört ja auch der Partner ...

Prof. Niebuhr: Mein Mann ist Ingenieur und arbeitete zu der Zeit viele Jahre lang in Düsseldorf. Inzwischen hat er eine Position in Hannover gefunden, mit der er sehr zufrieden ist und die genau auf seine Spezialisierung passt. Bei Akademikerehepaaren ist es sicherlich wichtig und kann einen nicht unerheblichen Anreiz darstellen, bei Niederlassungen auf dem Lande dem jeweiligen anderen Partner auch eine adäquate Stelle in Aussicht zu stellen.

nä: Haben Sie den Wechsel von der Klinik in die Niederlassung nicht als fachlichen Rückschritt empfunden?

Prof. Niebuhr: Ich habe lange Zeit in der Hochschulambulanz gearbeitet. Dort gab es natürlich viele interessante Krankheitsbilder, aber die habe ich in der Praxis auch. Und natürlich gibt es in der Klinik auch Routinefälle. In der eigenen Praxis kommen vielfältige Herausforderungen anderer Art auf mich zu: Ich bin nicht nur Ärztin, sondern auch Unternehmerin und Arbeitgeberin. Das hat meinen Bildungshorizont noch erweitert. Darüber hinaus habe ich mich u.a. auch mit Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheit und Hygiene zu beschäftigen.

nä: ... die berüchtigte Bürokratie, die so viele Ihrer Kollegen von der Niederlassung abhält ...

Prof. Niebuhr: Durch meine vielfältigen Arbeitsbereiche in Klinik und Forschung habe ich effizientes und strukturiertes Arbeiten gelernt, sodass ich diesen Teil der Niederlassung zwar als zeitintensiv, aber nicht als belastend empfinde. Diese organisatorischen Herausforderungen bewältige ich natürlich nicht alleine: Ich habe ein sehr gutes Team, dass mich dabei unterstützt und mitzieht.

nä: Haben Sie Ihre Mitarbeiterinnen übernommen?

Prof. Niebuhr: Ja, alle drei Angestellten. Eine war noch in der Ausbildung, die habe ich hinterher auch übernommen. Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team und arbeiten sehr gut zusammen.

nä: Haben Sie sich vorher über  Optionen und Unterstützungsmöglichkeiten erkundigt? Die KVN bietet ja etwa Seminare zur Niederlassung an.

Prof. Niebuhr: Als ich mich niederließ, wurde das gerade nicht angeboten. Als die Würfel für die Niederlassung gefallen waren, habe ich intensiv recherchiert und mir von allen Seiten Informationen zusammengesucht. Beispielsweise habe ich ein sehr hilfreiches zweitägiges Niederlassungsseminar des Berufsverbandes Deutscher Dermatologen (BVDD) besucht. Die Rolle der KVN habe ich als sehr positiv empfunden: Die BeraterInnen haben mir telefonisch viele wichtige Hinweise gegeben. Im ersten Jahr der Niederlassung standen sie immer für Fragen zur Verfügung, es gab eine Willkommensveranstaltung in der KV, in der wichtige Abteilungen und AnsprechpartnerInnen vorgestellt wurden und erste Kontakte mit anderen frisch niedergelassenen KollegInnen geknüpft werden konnten. Sie waren auch vor Ort, wir sind die erste Abrechnung zusammen durchgegangen und haben Optimierungsmöglichkeiten ermittelt. Ich habe mich nie alleingelassen gefühlt.

nä: Wo lagen die größten Herausforderungen in der Anfangsphase der Niederlassung für Sie?

Prof. Niebuhr: Es war insgesamt eine spannende Zeit: Ich habe die Praxis komplett saniert und im ersten Jahr jeden Urlaub und fast jedes Wochenende hier in den Räumen verbracht. Teilweise ging das im laufenden Betrieb, größere Maßnahmen kamen dann im Urlaub dran. Alle Schritte mussten koordiniert und die Handwerker beaufsichtigt werden, wie auch im privaten Bereich beim Bau einer Immobilie. Die Altmaterialien mussten entsorgt werden – ich weiß jetzt genau, was auf der Deponie in welchen Container gehört ... Das war zweifelsfrei anstrengend. Dafür hatte und habe ich das Privileg, mir meinen Arbeitsplatz nach meinen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten, was ich sehr schätze.

nä: Was würden Sie anders machen, würden Sie noch einmal beginnen?

Prof. Niebuhr: Ich würde wieder alles genauso machen. Neue Dinge zu etablieren und Eigeninitiative zu entwickeln macht mir Spaß.

nä: Gerade das wirtschaftliche Risiko schreckt heute viele potentielle Praxisgründer ab.

Prof. Niebuhr: Natürlich geht es bei der Kreditaufnahme um hohe Summen. Investitionen müssen daher gut geplant werden. Aber auch das ist keinem von uns neu, müssen wir doch im privaten Bereich die Finanzen im Blick behalten und mit unserem Geld gut haushalten. Wichtig ist, dass man bei der finanziellen Planung die Verhältnismäßigkeit im Blick behält, damit man sich in der Anfangsphase nicht übernimmt. Die Praxis sichert mir ein gutes finanzielles Auskommen, die Arbeit macht mir Spaß und ich hatte nie den Ehrgeiz, mit meiner Praxis Millionärin werden zu müssen.

nä: Welchen Rat haben Sie für Kollegen, die vor der Entscheidung für die Niederlassung stehen?

Prof. Niebuhr: Gehen Sie auf andere, schon niedergelassene KollegInnen zu, die Sie aus Studium oder Klinik kennen und denen Sie vertrauen, schauen sich deren Praxen an und profitieren von deren Erfahrungsschatz. Danach entscheiden Sie selbst ganz bewusst, ob Sie es genauso oder ganz anders machen möchten. Da sind wir wieder beim „Social Networking“. Kollegialität zahlt sich aus und macht Vieles leichter.

nä: Haben Sie keine Sehnsucht zurück nach dem Krankenhaus?

Prof. Niebuhr: Es muss ja kein Abschied für immer sein. Die eigene Praxis bringt viel Flexibilität mit sich. Ich kann mir meine Zeit frei einteilen, was im Moment ideal für die Kinderbetreuung ist. Die Niederlassung ist keine Einbahnstraße, wie von einigen jungen KollegInnen vielleicht angenommen wird. In ein paar Jahren könnte ich diese Flexibilität vielleicht auch nutzen, um z.B. mich im Berufsverband zu engangieren, ein Forschungsprojekt aufzugreifen, mich in der studentischen Lehre zu engagieren oder einen anderen Schritt in Richtung Academia zu tun. Die Niederlassung bietet vielfältige Möglichkeiten…

nä: Fr. Prof. Niebuhr, herzlichen Dank für das Gespräch.