Dr. Branka und Dr. Niemann

Erfahrungen mit der Niederlassung
Die Medizin wird weiblich - na und?

 

Bereits seit drei Jahren ist das Wolfsburger Umland Fördergebiet der KVN. Im Januar 2019 nahm Dr. Daria Branka in Rühen ihre Tätigkeit als Fachärztin für Innere Medizin im hausärztlichen Versorgungsbereich auf, im März 2019 folgte Dr. Denise Niemann in Ehra-Lessien. Während Dr. Branka eine Neugründung umsetzte, übernahm Dr. Niemann zunächst eine vor Ort bestehende Praxis. Auf den ersten Blick passen die beiden in das viel zitierte Schema: weiblich, Kinder, Anstellung bevorzugt. Doch sie wollten in die eigene Praxis "auf dem Land". Warum?

 

Branka Niemann

Frau Dr. Niemann, stand für Sie schon im Studium fest, dass Sie Hausärztin werden möchten?

Dr. Niemann:

Im Studium habe ich Blockpraktika im allgemeinmedizinischen Bereich absolviert. Und ich habe auch eine Famulatur in einer Arztpraxis gemacht. Das hat aber alles nicht dazu beigetragen, dass ich mich unbedingt niederlassen wollte. Ich wusste im Studium ganz lange nicht, was ich überhaupt machen möchte. In meinem Praktischen Jahr war ich in der Inneren Medizin in der Schweiz und da ist für mich die Liebe zur Inneren Medizin entstanden. Dennoch habe ich mich zu dem Zeitpunkt immer im Krankenhaus gesehen. Weil ich von meinem Wesen her ein Sicherheitsmensch bin und gerne im Team arbeite. Ich kann mich im Team beratschlagen, das habe ich immer sehr geschätzt.

Das Klinikum Helmstedt hat im Nachhinein den Grundstein für meine Niederlassung gelegt, insbesondere weil ich dort ein sehr breites Spektrum kennengelernt habe. Ich habe meinen ehemaligen Kollegen und Chefs viel zu verdanken.

 

Slowakei, Deutschland, China. Frau Dr. Branka, als Ärztin sind Sie weit herumgekommen. Worin liegt für Sie der Reiz als Hausärztin zu arbeiten?

Dr. Branka:

Ich habe viele Fachrichtungen gesehen, ich finde es schön, dass man von allem etwas machen kann und ich meine Erfahrungen einbringen kann. Als Hausarzt kommt der Patient erstmal undiagnostiziert, man hat ein breites Spektrum, was könnte es alles sein? Die hausärztliche Differenzialdiagnostik und die Vielfältigkeit spielen eine große Rolle.

Darüber hinaus nimmt man als Hausarzt am Schicksal des Patienten teil. Man lernt die ganze Familie kennen und begleitet sie auf glücklichen und auf traurigen Wegen, man schließt die Patienten auch irgendwie ins Herz. Es entsteht eine direkte, langfristige Bindung zum Patienten. Es ist nicht nur irgendjemand der 3-4 Tage in Zimmer 15 liegt, dann wieder verschwindet und man weiß gar nicht, was weiter mit ihm passiert, sondern man verfolgt die Geschichte weiter.

 

Frau Dr. Niemann, Sie kommen von der Elternzeit direkt in die eigene Praxis. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Vorteile gegenüber einer Tätigkeit in Anstellung?

Dr. Niemann:

Flexibilität ist das Stichwort. Mehr Gestaltungmöglichkeiten. Und vor allem, dass ich vor Ort bin. Die Kinderkrippe ist im Nachbarort. Ich bin gemeinsam mit meinem Mann vor Ort. Als mein Sohn klein war, war ich immer weit weg. Wenn ich das Klinikum betreten habe, dann brauchte mich keiner anrufen, ich stand nicht zur Verfügung. In der eigenen Praxis habe ich nicht weniger Arbeit, eher ganz im Gegenteil, aber mehr Flexibilität Familie und Beruf in Einklang zu bringen.

Das haben wir auch bei der Planung der Praxis mit bedacht. Und da ist es - wie bei Frau Dr. Branka auch - toll dass ich ein "Kinderzimmer" habe. Dadurch können die Kinder auch mal mit in die Praxis kommen, können Hausaufgaben machen oder nochmal spielen. Oder wir essen sogar gemeinsam Mittag hier in der Praxis.

 

Der Trend zur Anstellung wächst, Sie wechseln aus der Anstellung in einem MVZ in die eigene Praxis, was hat Sie dazu bewegt Frau Dr. Branka?

Dr. Branka:

In erste Linie die Gestaltungsfreiheit und endlich selber Herr zu sein. Es ist mir wichtig, alles selber so gestalten zu dürfen, wie ich es gerne haben möchte. Zum einen hinsichtlich der Abläufe, aber auch hinsichtlich der Räumlichkeiten. Für mich bedeutet das zeitgemäß bauen und planen: behindertengerecht, geräumig, gelüftet, hell, freundlich, modern.

 

Das war vermutlich auch der wesentliche Grund, warum Sie sich für eine Neugründung entschieden haben und keine Praxisübernahme. Denn das Angebot an hausärztlichen Praxen zur Übernahme ist doch recht groß

Dr. Branka:

Ja, Angebote hatte ich tatsächlich viele. Aber dann sind da schon mal 5 Stufen vor dem Haus. Eine winzige Anmeldung, bei der man gar nicht weg hören kann, das kann nicht weitere 20 Jahre funktionieren Auch eine Umstellung auf moderne Abläufe ist in den vorhandenen Praxen häufig kaum möglich.

Das ist das eine, hinzu kommt, dass ich mein Team zusammensetzen kann, wie ich möchte. Ich lege Wert auf eine gute, entspannte, freundliche Atmosphäre. Spaß beim Arbeiten, das spüren die Patienten auch!

 

Viele scheuen dennoch den Weg in die eigene Praxis, was hat Ihnen die nötige Sicherheit gegeben?

Dr. Niemann:

Ein ganz wichtiger Punkt war definitiv der Investitionskostenzuschuss sowie die Umsatzgarantie der KVN. Es gibt mir die Möglichkeit alles langsam aufzubauen. Man wird nicht gleich von einer riesigen Summe erschlagen. Und das gibt natürlich Sicherheit und das Bauchgefühl: "Da muss ich jetzt zugreifen!"

Und wir haben die Chance gleich genutzt um neue Geräte anzuschaffen, obwohl ich erstmal in die alte Praxis gehe. Aber ich will auf qualitativ hohem Niveau starten. Wir möchten die Praxis auch digitalisieren, für diesen Übergangszeitraum ist zunächst ein Jahr eingeplant.  Von Anfang an war geplant, dass ich nicht in diesen Räumen bleibe, das möchte ich lieber in meinen eigenen Räumlichkeiten machen.

Außerdem sind sehr viele Dinge zu klären, mit denen ich bisher nie etwas zu tun hatte, da ist es sehr hilfreich, dass ich bei der KVN einen unmittelbaren Ansprechpartner habe. Dort kriege ich sofort Hilfe, wenn mich etwas beschäftigt. Diese Erfahrung hat mir zusätzliche Sicherheit gegeben.

 

Dr. Branka:

In Rühen ist der Bedarf in der Bevölkerung definitiv vorhanden. Und vor allem, es wird weiter gebaut. Hinzu kommt, dass ich durch meine vorherige Anstellung bereits einen gewissen Patientenstamm aus der Region hatte, von dem ich wusste, dass etliche bei mir bleiben würden.

Aber ohne die intensive Begleitung und Beratung durch die KVN wäre ich diesen Schritt dennoch nicht gegangen. Als angestellter Arzt hat man zu vielen Dingen einfach keine Berührungspunkte, da ist es wichtig, Informationen zu bekommen und Unsicherheiten abzubauen.

 

Landarztmangel ist eines der großen Schlagworte unserer Zeit. Ehra-Lessien befindet sich am östlichen Rand Niedersachsens und grenzt an Sachsen-Anhalt. Die Gemeinde hat 1.852 Einwohner und rund 700 Haushalte. Wie kam es zu dieser Standortwahl?

Dr. Niemann:

Die ehemalige Bürgermeisterin von Ehra Frau Jenny Reißig, die sehr engagiert war, hat mich privat angesprochen ob ich Interesse hätte, als Ärztin in Ehra zu arbeiten. Ich konnte mir das zu diesem Zeitpunkt aber nicht vorstellen, ich habe es mir nicht zugetraut, wollte erst noch mehr Erfahrung und fachliche Kompetenzen erwerben.

Ein wichtiger "Meilenstein" war dann bereits 2015. Hier gab es ein "Dorfgespräch", die Einwohner von Ehra waren zu einem gemeinsamen Gespräch zur ärztlichen Versorgung eingeladen, mit niedergelassenen Ärzten aus der Gemeinde und unter Beteiligung der KVN. Dort habe ich das erste Mal Herrn Trabulsi getroffen. Er hat damals gesagt, er bleibt solange bis sich ein Nachfolger findet. Und das hat er letztlich auch gemacht.

Zu diesem Zeitpunkt habe mich aber dennoch noch einmal dagegen entschieden. Ich bekam gerade die Stelle als Oberärztin im Klinikum Wolfsburg, für mich war es einfach noch zu früh. In dieser Position habe ich noch viel gelernt und konnte mir dann vorstellen die Praxis Trabulsi tatsächlich zu übernehmen.

2017 habe ich mich dann mit Herrn Trabulsi zusammengesetzt. Letztlich spielte dabei auch die familiäre Situation eine entscheidende Rolle. Ich wollte keine Schichtdienste mehr, wollte zu Hause präsenter sein. Durch eine Niederlassung wollte ich mehr Flexibilität erreichen, das habe ich im Krankenhaus nicht mehr gesehen. Notaufnahme bedeutet eben auch immer Schichtsystem und viele Wochenenddienste. Ich musste familiär viele Abstriche machen und wollte das so nicht mehr. Ich möchte Familie und Beruf zukünftig mehr in Einklang bringen.

 

Dr. Niemann, Sie starten zunächst in den alten Praxisräumlichkeiten, ein Neubau ist in Planung. Auf was legen Sie dabei besonderen Wert?

Dr. Niemann:

Also der Startschuss für mich war im Dezember 2017. Da haben die Planungen für die Praxis angefangen. Unterstützung haben wir uns von einer Fachfirma geholt, die mir ein Kollege empfohlen hat. Alleine wollte ich die Planung nicht machen, da wollte ich professionelle Unterstützung. Es sind ja doch so einige Punkte zu beachten und so habe ich einen kompetenten Partner an meiner Seite.

Natürlich erstmal Barrierefreiheit und ausreichende Parkmöglichkeiten. Als wir die Immobilie ausgewählt haben, haben wir schon geschaut dass wir sehr zentral im Ort liegen, damit die Patienten uns auch finden. Wir sind jetzt direkt neben der örtlichen Bank, fußläufig sind die Rettungswache und die Seniorenresidenz. Das war uns sehr wichtig.

In der Praxis selbst sind mir kurze Wege wichtig, um ein möglichst schnelles und effizientes Arbeiten zu ermöglichen. Dazu zählt die Anordnung der Sprechzimmer, das Labor. Wir haben jetzt einen Rundlauf konzipiert. Man kommt rein, in der Mitte sind der Empfang und ein Notfallraum, zu dem auch der Rettungsdienst einen einfachen Zugang hat. Dann kommt das Wartezimmer und die Funktionsräume sind auf der anderen Seite, einfach damit ich nicht so präsent bin und ich nicht ständig an den Patienten vorbeilaufe. 185m² sind geplant. Großzügigkeit war uns wichtig. Ich arbeite auch gerne im Team und möchte vorausschauend planen. Vielleicht kommt später ja noch ein WeiterbildungsassistentIn mit rein oder ein angestellter Arzt/Ärztin, perspektivisch soll eine große Landarztpraxis entstehen. Wenn ich mir die Kollegen im Umkreis anschaue, diese sind ja auch nicht mehr die Jüngsten, braucht man eine zentrale Anlaufstelle. 

 

Eine Praxisgründung bedarf einer umfangreichen Planung. Wieviel Zeit hat diese in Anspruch genommen und wo haben Sie Unterstützung erhalten?

Dr. Branka:

Von den ersten Planungen bis zum ersten Spatenstich sind ca. 15 Monate vergangen, gefolgt von einer achtmonatigen Bauphase. Ohne die finanzielle Förderung der KVN, der Gemeinde Rühen und dem Landkreis Gifhorn wäre dieser Weg nicht gangbar gewesen.

Aber vor allem wäre das Ganze ohne die Unterstützung durch meinen Mann nicht möglich gewesen. Er hat die Planungen und das ganze Organisatorische gemacht, von den ersten Skizzen bis zur Fertigstellung. Aber auch ohne mein Team wäre ich den Weg nicht gegangen, letztlich haben sie mich erst auf den Gedanken gebracht und für mich stand schnell fest, wenn mein Team mitkommt, dann mache ich das!

 

Es wird immer schwieriger gute MitarbeiterInnen zu finden. Wie haben Sie sich als Arbeitgeber attraktiv gemacht?

Dr. Branka:

In erster Linie kommt es sicherlich auf eine entspannte Arbeitsatmosphäre an, Führung mit Wertschätzung und Lob. Fehler passieren, wir sind alle Menschen, Konsequenzen ja, aber im Sinne von "Was machen wir demnächst besser?". Für die MitarbeiterInnen ist es wichtig zu wissen, dass wir über alles in Ruhe reden können, dann finden wir Lösungen. Vertrauen verbindet mehr als Drohungen und ein lauter Ton.

Heutzutage ist es aber auch immer wichtiger als Arbeitgeber familienfreundlich zu sein. Wenn einer mal wegen seinem Kind früher weg muss, ist das selbstverständlich kein Problem. Außerdem gibt es in meiner Praxis ein "Kinderzimmer" mit Fernseher, DVD und Schlafsofa. Das nutzen nicht nur meine eigenen Kinder gerne, sondern auch meine MitarbeiterInnen können bei Bedarf ihre Kinder auch mal mitbringen.

Hinzu kommen sicherlich die Vorteile von modernen, einfachen Arbeitsabläufen, nicht zuletzt dank Digitalisierung.

 

Jeder, der schon einmal gebaut hat kennt wohl das Phänomen, dass man immer wieder auf unerwartete Probleme stößt. Ihr Vorhaben wäre fast an einem nicht vorhandenen Telefonkabel gescheitert. Dennoch haben Sie nicht aufgegeben und heute sind Sie Chefin in Ihrer eigenen, selbst konzipierten Praxis. Auf was sind Sie dabei besonders stolz?

Dr. Branka:

Neben meinem Vollzeitjob im MVZ und meiner Familie habe ich einen Praxisneubau gestemmt. Sehr viele Puzzleteile mussten zusammengesetzt werden und die Patienten bestätigen, wie gut am Ende alles zusammen passt! Und dafür möchte ich mich bei meinem Mann bedanken.